Im Bundestagswahlkampf hatte der Wertkreis die Direktkandidat_innen eingeladen zu einem Podium mit wichtigen Fragestellungen in der Behindertenpolitik. Eine gute Maßnahme. Diese Einladung erfolgte durch den Vorsitzenden des Betriebsrates. Eine noch bessere Maßnahme.
Jedoch als Vorspiel zu einer drastischen Absenkung der Bezahlung für die Beschäftigten dort hätte ich diese Veranstaltung nicht beargwöhnt. Ich hatte schon das Gefühl, dass die Wertschätzung der Arbeit in den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen vorangebracht werden sollte. Sowohl durch die Darstellung der Auftragsvergabe durch heimische Firmen wie auch durch die sparsame Haushaltführung der Leitungsverantwortlichen im Wertkreis hätte ich eher eine Verbesserung der Einkommen hin zur emanzipativen Verselbständigung der Beschäftigten vermutet. Beispiele aus der Veranstaltung waren doch gerade die Kritik an der bisherigen Wohnungspolitik, die den Menschen mit Behinderungen kaum erfolgreiche Wohnraumsuche ermöglichen, die Forderung nach einem Mindestlohn für alle, der Geschicklichkeitstest für Politiker_innen, ob sie überhaupt mit den Beschäftigten der Behindertenwerkstätten mithalten können, und die Darbietung von eigenen Musikstücken der hauseigenen Band „Inclusonics“, die ich übrigens weiterempfehlen kann.
Ich traute allerdings meinen Augen nicht, als ich der Zeitung entnehmen musste, dass die Einkünfte der Beschäftigten des Wertkreises, hier die der Menschen mit Behinderungen, bis zu 25% abgesenkt werden.
Dies kann nicht hingenommen werden. Traut man sich das nur bei denen, von denen man am wenigsten Widerstand erwartet?
Für so etwas lasse ich mich auch nicht auf einem Podium instrumentalisieren, also benutzen. Ich fühle mich gekauft, weil ich einen Präsentkorb angenommen habe, so schön das auch ist. Nur wenige Veranstalter im Bundestagswahlkampf haben sich so dankbar gezeigt dafür, dass man diese Mühe auf sich genommen hat, obwohl es doch auch ein Pflichtprogramm war. In diesem Falle bin ich der Einladung ja um so eher gefolgt, weil sie von einem Betriebsratsvorsitzenden kam.
Aber ist eine solche Einkommensverschlechterung hinnehmbar, nur weil ein Betriebsrat eingeschaltet war? Man kann eine solche Sch… …rei nicht rechtfertigen. Scham müsste die Verantwortlichen überkommen und sie zur Umkehr nötigen. „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan.“ Diese Worte Jesu spielen in unserem christlichen Milieu keine Rolle mehr?
Die Abschlussworte des Betriebsratsvorsitzenden klangen noch so hoffnungsvoll, und die zahlreichen Anwesenden, wohl an die 500, und sie wurden mit tosendem Applaus bedacht. Werden wir dem gerecht, was die Französische Revolution schon forderte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – für alle!

Ludger Klein-Ridder, Direktkandidat für DIE LINKE im Bundestagswahlkampf 2013

3 Comments

  • Leider hat die NW gekürzt. Jesus und christlich und Mindestlohn gehören dazu.

  • Bernhard Paul Meermeier sagt:

    Sehr geehrter Herr Klein-Ridder.

    Hut ab vor Ihrem gut durchdachten Leserbrief. Ich selber kann als ehemaliger Mitarbeiter des Wertkreises ein Lied von deren Arbeitsweisen singen und das ist kein schönes Lied. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich mit mir in Kontakt setzen würden.

    Könnten Sie mir Ihren vollständigen Leserbrief zusenden?

    Ihre Aussage: Jesus und christlich und Mindestlohn gehören dazu. Dazu kann ich Ihnen nur Applaus spenden.

    Gruß

    B.P.M.

  • Da der Betriebsrat sich bei mir gemeldet hat, kann ich jetzt eine Korrektur anbringen: Nicht der Betriebsrat, sondern der Werkstattrat hatte eingeladen. Dieser ist auch für die Lohn- und Bezügefindung für die Beschäftigten mit Behinderung zuständig.
    Bleibt die Frage, ob es hier nicht zu einer anderen Entscheidung hätte kommen können/müssen, was die Bezüge der Beschäftigten mit Behinderung angeht.